Im «Dialogmuseum» werden die Besucher vorübergehend blind
dpa, 5.11.2005 von Keyvan Dahesch
Frankfurt/Main (dpa/lhe) Es gibt vieles zu hören, riechen, fühlen, tasten und schmecken, aber absolut nichts zu sehen. Im Frankfurter «Dialogmuseum» erleben die Besucher eine Ausstellung in völliger Dunkelheit.
«Auf künstlerische Art wollen wir die Gäste für einige Zeit in die Welt blinder Menschen entführen», erläutert die Geschäftsführerin Klara Kletzka bei der Eröffnung des ersten Teilabschnitts des Museums am Freitagabend. Die Angebote werden von mehreren Teams aus Menschen mit und ohne Behinderung präsentiert.«Achten Sie bitte darauf, dass nichts die Dunkelheit beeinträchtigt», bittet Jörg Ketter, einer der sehbehinderten Einweiser, eine siebenköpfige Besuchergruppe. Wenn eines der Kinder im Dunkeln leuchtende Schuhe trägt, möge es ganz hinten gehen. Auch Feuerzeuge und Handys sollten in den Taschen bleiben, rät Ketter und verteilt weiße Stöcke. «Halten Sie Ihre linke Hand an die Wand und tasten sie sich mit dem Stock voran, bis Sie Ihr Führer anspricht», erklärt er.
Bei abnehmendem Licht bewegen sich zwei Frauen, zwei Männer und drei Kinder um mehrere Ecken. Im ersten abgedunkelten Raum empfängt sie der blinde Führer Milos Boskovic. Bevor er sie durch den naturgetreu simulierten Wald in eine belebte Innenstadt begleitet, muss er eines der Kinder, das in der Dunkelheit Angst bekommt, nach draußen bringen.
Die übrigen sechs Besucher führt Milos über einen Sandhaufen, einen Bachsteg und eine gewundene Straße zu einem Fahrkartenautomaten an einer Bushaltestelle, vorbei an einem abgestellten Kleinwagen, Hauseingängen und Schaufenstern - alles im Dunkeln. Der Parcours endet in der «Dunkel-Bar», wo die Gäste mühsam den Obolus für das gewünschte Getränk im Portemonnaie suchen.
Die Idee, die Sehenden auf diese Weise mit der Lage blinder Menschen vertraut zu machen, kam dem Leiter des Dokumentarischen Instituts der Stiftung Blindenanstalt (BSA) in Frankfurt, Andreas Heinecke, im Jahr 1987.
Damals wurden im BSA blinde Frauen und Männer zu wissenschaftlichen Dokumentaren für Rundfunkanstalten und Zeitungen ausgebildet. Nach Pilotprojekten mit ungewöhnlich großer Resonanz kaufte er die Rechte von der BSA und präsentierte die Wanderausstellung «Dialog im Dunkeln» bislang in 16 Ländern Amerikas, Asiens und Europas - darunter auch als dauerhafte Einrichtung in der Hamburger Speicherstadt.In Frankfurt bildet «Dialog im Dunkeln» eines der drei Angebote des nach Heineckes Angaben als Weltneuheit konzipierten Dialogmuseums. Die weiteren, bis Ende November fertig gestellten Elemente sind das Restaurant «Geschmack im Dunkeln» mit einem Vier- Gang-Menü als Überraschung und das «Kommunikationscasino». In dem nicht abgedunkelten Casino sollen Menschen mit und ohne Augenbinde gemeinsam ihre Fantasie und Kreativität testen.
Neben dem pädagogischen Ziel, das Verständnis für nichtsehende Menschen zu verbessern, will das Museum auch wirtschaftliche Zeichen setzen. «Mit Unterstützung des Landeswohlfahrtsverbandes, der Bundesagentur für Arbeit und des Blinden- und Sehbehindertenbundes schaffen wir mindestens 50 Dauerarbeitsplätze für schwerstbehinderte Menschen», sagt Geschäftsführerin Kletzka. Sie alle würden zu Tariflöhnen bezahlt. Nach Angaben von Initiator Heinecke bereiten unter anderem die Städte Wien, Mailand und London nach dem Frankfurter Vorbild ebenfalls die Einrichtung von Dialogmuseen vor. Anfang Dezember wird Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) als Schirmherrin das Museum mit seinen drei Bestandteilen offiziell eröffnen.
(Internet: www.dialogmuseum.de)
(Der Autor dieses Beitrags ist selbst blind.)
«Gehen Sie rechts an meiner Stimme vorbei»
F.A.Z., 14.11.2005, von Hans Riebsamen
Eine Führung durch den «Dialog im Dunkeln» dauert 90 Minuten / Ausstellung zur Entdeckung des Unsichtbaren
Dunkelheit, pechschwarzes Nichts. So hat man sich immer den Tod vorgestellt. Das Lebenslicht plötzlich ausgeblasen. «Du bist nicht gestorben», sagt man sich angestrengt, um die aufkommende Panik zu unterdrücken. «Diese völlige Dunkelheit um dich herum hast du selbst gewählt, freiwillig bist du durch die Tür des ,Dialog im Dunkeln' in diesen lichtlosen Raum eingetreten. Alles an dir funktioniert noch, auch deine Augen.» Es trifft in dieser Dunkelkammer nur kein Licht mehr auf die Netzhaut. Völlig normal, kein Grund für eine Angstattacke.
«Folgen Sie immer dem Guide», hieß es vor dem Eintauchen ins schwarze Loch. Jetzt tapsen wir mit unseren Blindenstöcken herum und trauen uns nicht so recht weiter. Wohin? Rechts oder links? «Ich bin Matthias, euer Guide», meldet sich eine menschliche Stimme. Matthias, guter Führer, unser Retter, du wirst dafür sorgen, daß wir nicht in einen Abgrund fallen, daß wir aus diesem schwarzen Irrgarten wieder herausfinden. Alle müßten sich an seine Anweisung halten, sagt Matthias, und jetzt solle jeder seinen Namen sagen, seinen Vornamen, damit er wisse, mit wem er es zu tun habe. «Karin», «Hans», «Felix». Welch ein Glück, daß man andere an seiner Seite weiß, Sehende, die wie man selbst durch das Überqueren einer Türschwelle zu Blinden geworden sind. Wirklich weiterhelfen können sie einem nicht in diesem schweigenden Schwarz, trotzdem tut es gut, sie vor, hinter, neben einem kichern zu hören.
Aber was heißt da schweigendes Schwarz? Es tönt und zwitschert aus allen Ecken. Jetzt, da die erste Erstarrung sich gelöst hat, hört man den Vogelgesang. Schade, daß man den Ton der Amsel nicht von dem der Lerche zu unterscheiden gelernt hat. Blinde können das vermutlich, überlegt man, sie hören gewiß genauer auf Geräusche als wir Augenmenschen. «Gehen Sie rechts an meiner Stimme vorbei», leitet uns Matthias an. Aber das ist doch gefährlich, denkt man, da ist doch eine Grenze, da ändert sich der Untergrund, kein weicher, schmiegsamer Rasen mehr, sondern etwas Hartes. Ja, Steine müssen das sein, man hört es am Klackern, wenn man mit dem Stock darauf klopft.
«Wo sind wir hier?, fragt Matthias. «Richtig, in einem Park.» Die Hände fühlen dünne Äste, Blätter, offensichtlich Gebüsch. Ein Teich muß in der Nähe sein, denn es rauscht Wasser. Also weiter vorwärts, vertrauen wir Matthias, daß niemandem etwas passieren kann in dieser sonnenfernen Welt, die jetzt auch noch zu schwanken anfängt. «Eine Brücke», klärt der Guide uns auf. Offenbar eine Hängebrücke, denn sie bricht nach den Seiten hin aus. Gott sei Dank geschafft. Wieder auf sicherem Grund, einem moosigen Grund jetzt, vielmehr einem holzigen Grund aus Rindenmulch, wie die Nerven in den Fingerspitzen es anzeigen. Sie signalisieren dem Gehirn auch, daß über der Mauer an der rechten Seite Buchstaben eingemeißelt sind. G. O. E. T. H. E. - Goethe. «Tastet ein wenig höher», rät Matthias. Ein metallisches Anfühlen - Goethes Fuß. Jener Teil des Denkmals, den eine Menschenhand noch vom Boden aus erreichen kann. 90 Minuten dauert normalerweise eine Führung durch das Museum «Dialog im Dunkeln». Sechs Räume, sechs verschiedene Umgebungen. Die Reise durch die Finsternis endet in einer Bar, in einer Dunkelbar, wo Riesling und Johannisbeersaft und die Milch für den Kaffee alle gleich schwarz sind. 90 Minuten können eine Unendlichkeit sein, wenn der wichtigste Sinn, das Sehen, ausgefallen ist und der Körper dadurch seine Gewißheiten verloren hat. Trotz Matthias bohrt im Gehirn der geheime Gedanke, daß man nie mehr aus dieser Dunkelheit herausfinden wird. Wie in jener Geschichte von Dürrenmatt, in welcher ein Zug in einen schwarzen Tunnel einfährt und fährt und fährt und nie mehr einen Ausgang erreicht.Was wäre schlimmer, denkt man: Blind zu sein oder taub. Und man weiß auf einmal ganz genau, daß man lieber auf sein Gehör als auf sein Augenlicht verzichten würde. Oder vielleicht doch nicht? Im Dunkeln verliert man seine Sicherheiten - und seine Selbstsicherheit. Man wird ganz demütig, weil man spürt, wie sehr man von anderen abhängig ist. Von Matthias, aber auch von Karin oder Felix, mit denen man gar kein Gesicht verbindet, sondern nur eine Stimme und eine physische Anwesenheit, weil man sie dauernd ertastet. Niemand kann eine Insel sein, der Mensch braucht Kommunikation, braucht Dialog. Gerade im Dunkeln. Dieses Dunkel hat eine merkwürdige Eigenschaft, sie läßt einen seine Sinne stärker spüren, läßt einen intensiver fühlen, atmen, denken. Und sie läßt die Phantasie wachsen. Eine Phantasie, die zuerst nur einen Angstraum malt, dann ein kleines Universum aus Geräuschen und Gerüchen, aus Formen und Unebenheiten: Hupen und Bremsen, ein Autoscheinwerfer und eine Telefonzelle, jetzt eine klackende Ampel, die sagt: «Du kannst die Straße überqueren.»Der blinde Matthias ist der einzige Sehende in diesem Dunkel, er führt seine Schützlinge schließlich wieder in jenes Reich, wo die Augenmenschen Könige sind. Wie sieht Matthias wohl aus, fragt man sich danach. Groß oder klein von Gestalt, blonde oder braune Haare, ein ebenmäßiges oder zerklüftetes Gesicht? Keiner weiß es, denn der Guide hat das Dunkel nicht verlassen.Hans Riebsamen
Text: F.A.Z., 14.11.2005, Nr. 265 / Seite 43
Begegnung in der Finsternis - die Welt der Blinden im Museum
F.A.Z. - net, 14.11.2005, von Hans Riebsamen
23. September 2005 Die im Dunkeln sieht man sie nicht. Aber man hört sie, ertastet sie, riecht sie vielleicht auch. Daraus entsteht ein «Dialog im Dunkeln» - demnächst im Dialog-Museum an der Hanauer Landstraße. Wer jetzt vor dem Artemis-Haus steht, sieht zwar nur eine Baustelle, aber er sieht immerhin etwas. Von November an wird er nichts mehr sehen, zumindest wenn er eingetreten ist in dieses neue Museum der Dunkelheit. Schwarze Nacht umfängt den Besucher, er hört die Geräusche eines Parks, riecht Bäume und Blumen, spürt unter seinen Füßen eine Hängebrücke schwanken - doch seine Augen können nichts erblicken außer schwarze Leere.
Wie es ist, seinen Augen nicht mehr trauen zu können, weil sie nichts mehr sehen, das haben Sehende in vielen Ländern in den vergangenen Jahren erfahren. Denn «Dialog im Dunkeln», diese vollkommen abgedunkelte Ausstellung mit Räumen, durch die Besucher von Blinden geführt und am Ende in der «Dunkelbar» sogar bewirtet werden, ist schon in vielen Städten gezeigt worden. Allein sieben Mal in Japan. In Frankfurt übrigens auch schon einmal, nämlich vor zehn Jahren im «Titania» in Bockenheim. Jetzt geben der Erfinder des «Dialog im Dunkeln», der frühere Journalist Andreas Heinecke, und die damalige Veranstalterin im «Titania», Klara Kletzka, der «Dunkelbar» und den Dunkelräumen einen festen Platz, nämlich im Dialog-Museum schräg gegenüber der Metzgerei Gref-Völsings.
Dreieinhalb Jahre hat Kletzka nach geeigneten Räumen und nach einer Finanzierungsmöglichkeiten für ihr Museum gesucht. Jetzt dauert es nur noch fünf, sechs Wochen, und ihr Traum ist Wirklichkeit geworden. Anfang November sollen sich die ersten Besucher durch die Dunkelräume tasten, Anfang Dezember soll es eine große Eröffnungsfeier geben, auf der die Schirmherrin, Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU), hoffentlich schon ein Vier-Gänge-Menü im Restaurant «Taste of Darkness» probieren kann. Die Hauptausstellung «Dialog im Dunkeln» ist aber auf jeden Fall bis dahin fertig, vermutlich auch das «Casino of Communication», wo Gäste sich auf ihren Eintritt in die Finsternis vorbereiten können.
Noch ein Museum, werden manche sagen und fragen: Wer soll das bezahlen? Nicht die Stadt Frankfurt, auch nicht der Steuerzahler. Das Dialog-Museum soll sich selber tragen, über Eintrittsgelder und Seminarbeiträge. Die Investition von rund einer Million Euro trägt zu 80 Prozent der Landeswohlfahrtverband, die restlichen 20 Prozent hat sich die Dialog GmbH mit ihren Anteilseignern Heinecke, Kletzka und zwei weiteren Teilhabern bei einem Risikokapitalgeber geliehen. Als Startkapital stellt der Blinden-Sehbehinderten-Bund 60 000 Euro zur Verfügung.
Ob ein solches, finanziell auf sich selbst gestelltes Museum funktionieren kann? Kletzka und Heinecke sind überzeugt davon und verweisen auf Hamburg. Dort wird «Dialog im Dunkeln» seit mehr als fünf Jahren in der Speicherstadt gezeigt, mit großem Erfolg, 70 000 Gäste besuchen dort jedes Jahr die dunklen Räume. Die Einrichtung, in der 40 Mitarbeiter beschäftigt sind, ist zu fast 100 Prozent ausgelastet. Das Frankfurter Museum soll allerdings noch mehr bieten als die Hamburger Schau, weshalb bis zu 60 Mitarbeiter benötigt werden - Blinde und sehbehinderte Männer und Frauen vor allem, die zum Beispiel als Führer die für eine oder anderthalb Stunden künstlich von Blindheit geschlagenen Besucher durch die Räume leiten werden. Das Dialog-Museum soll so auch ein Integrationsbetrieb sein, der Behinderten qualifizierte und interessante Arbeit bietet.
Was der Zweck des Ganzen ist? Mentale Barrieren sollen abgebaut werden, gibt Heinecke zur Antwort. Er, der selber gut sieht, hat während seiner langen Beschäftigung mit der Blindheit festgestellt, daß Sehende in der Regel Berührungsängste gegenüber Blinden haben - weil sie nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, weil sie sich nicht in die Situation von Blinden und Sehbehinderten versetzen können. Um diesem Mangel abzuhelfen, hat Heinecke den «Dialog im Dunkeln» erfunden, dunkle Räume, in denen Sehende sich auf einmal auf ihre anderen Sinne verlassen müssen, in denen sie anders kommunizieren müssen als im Hellen. «Wo bist du?», «Hier!», «Wo ist hier?» Das Hier ist nicht mehr selbstverständlich, es muß ertastet, gefühlt und versprachlicht werden. Es gilt das dialogische Prinzip des Philosophen Martin Buber: «Die einzige Art zu lernen besteht in der Begegnung.» Der blind gewordene Besucher wird in seinen Routinen und Gewißheiten verunsichert und findet über diese emotionale Destabilisierung oft zu neuen Gedanken und Eindrücken.
Heineckes Idee hat eingeschlagen. Nicht nur findet die Ausstellung «Dialog im Dunkeln», die im Franchise-System weltweit vertrieben wird, überall großen Anklang. In zahlreichen Städten sind unter eigenen Titeln ähnliche Projekte aufgezogen worden. Mit sechs Erlebnisräumen auf 500 Quadratmetern, dem Dunkel-Restaurant und dem erwähnten Dunkel-Casino besitzt Frankfurt demnächst aber nicht nur das vermutlich größte Dunkelland weltweit, sondern auch die erste stationäre Einrichtung dieser Art. Das Museum zielt auf Schulklassen und Familien, aber auch Unternehmen, die dort Schulungsprogramme für Mitarbeiter buchen können, eine, wie das Hamburger Beispiel zeigt, recht attraktive Geschäftssparte. Die ersten 25 Schulklassen haben übrigens schon gebucht, weitere Bestellungen werden gerne entgegengenommen.
(«Dialog im Dunkeln» im Dialog-Museum, Hanauer Landstraße 139-145. Reservierungen erforderlich, telefonische Bestellungen unter der Telefonnummer 07 00/44 55 60 00. Eintritt: zehn Euro für Erwachsene, fünf Euro für Kinder.)
Ein Museum ohne jeden Lichtstrahl
Frankfurter Rundschau 23.09.2005, von Andreas Kraft
Neue Dauerausstellung sorgt für Rollentausch zwischen Blinden und Sehenden / Geöffnet ab November
Anfang November soll das Dialogmuseum Frankfurt fertig sein. Die Ausstellung werden die Besucher aber nie zu Gesicht bekommen. Denn in vollkommener Dunkelheit sollen alltägliche Situationen vermitteln, wie es ist, nicht sehen zu können. Blinde werden die Sehenden dabei führen.
FRANKFURT. Das Licht fällt durch die großen Fenster. Die neuen Wände sind eingezogen. «Hier wird eine kleine Brücke sein», deutet Klara Kletzka, Geschäftsführerin der Dialogmuseums, an. «Es geht rüber und dann - landet man im Matsch». Weder die Brücke, noch der Bach, noch der Matsch sind schon zu sehen. Und für die Besucher werden sie das auch nie sein.
Denn bevor das Museum im November öffnet, werden die Fenster verschlossen. Kein Lichtstrahl dringt dann mehr in die Ausstellungsräume in der Hanauer Landstraße 139-145. So sieht es das Konzept des Museums vor. Hier wird nichts ausgestellt, vielmehr sollen die Besucher eine Erfahrungen mit nach Hause nehmen: Wie es ist, nicht sehen zu können.Initiator Andreas Heinecke setzt auf den «Dialog im Dunkeln»
Nach 17 Jahren kehrt die Idee damit wieder nach Frankfurt zurück. Ein erstes Experiment machte der Erfinder Andreas Heinecke bereits 1988. Damals arbeitete er bei der Stiftung Blindenanstalt. 1990 richtete er im Mousonturm dann für einen Monat eine Bar ohne Licht ein. Von hier aus ging die Idee um die Welt. 1995 ließ Heinecke etwa in Bockenheim Sehende durch dunkle Räume laufen. Vor fünft Jahren wurde in Hamburg eine Dauerausstellung eröffnet.
Vom Erfolg ermutigt, nahm Heinecke ein zweites Museum in Angriff. Seit vier Jahren laufen die Planungen. Eine erste Idee war es, die Ausstellung «Dialog im Dunkeln» in der Naxos-Halle unterzubringen. Weil das scheiterte, werden jetzt die Räume in der Hanauer Landstrasse umgebaut. Das Projekt kostete eine Million Euro. 20 Prozent steuert als Kapitalgeber die Bin Venture Management GmbH (München) bei, 80 Prozent kommen vom Landeswohlfahrtsverband Hessen.
Der Verband unterstützt das Projekt, weil in dem Museum Arbeitsplätze für Behinderte geschaffen werden. Damit Sehende sich im Dunkeln orientieren können, führt sie ein Blinder durch die Ausstellung. Die üblichen Rollen werden vertauscht: Die Sehenden haben ein Defizit, der Blinde ist im Vorteil. «Die Führer sind Botschafter ihrer nicht-visuellen Kultur», erläutert Heinecke das Konzept. «Wir wollen so mentale Barrieren abbauen.» Die Besucher seien anfangs verunsichert, weil der ihre Wahrnehmung bestimmende Sinn wegfalle. «Dadurch ist im Kopf aber mehr Platz für neue Gedanken», erklärt Heinecke. «Und die Besucher bekommen eine neue Perspektive. Sie erleben die Welt mit ihren übrigen Sinnen.»
Neben dem Stück Natur mit Bach und Brücke führt eine Bootsfahrt ans Museumsufer. Ein Raum der Ausstellung soll etwa alle sechs Monate von einem anderen Museum gestaltet werden. Den Anfang macht das deutsche Architektur- Museum. In einem weiteren Ausstellungsraum wird die Situation für Blinde in einer Stadt nachgestellt. «Die Straßenbahn wird hier auch wie eine Frankfurter Straßenbahn klingen», sagt Kletzka. «Die Bahnen klingen nämlich in jeder Stadt anders.» Zum Abschluss der Führung geht es in eine Bar ohne Licht. Hier sollen die sehenden Besucher mit ihrem Führer ins Gespräch kommen.
Im «Casino for Communication» nebenan können Museumsbesucher - im Hellen - ihre kommunikativen Fähigkeiten entdecken. Im angrenzenden Restaurant «Taste of Darkness» ist es aber wieder dunkel. Ein viergängiges Überraschungsmenü wird von blinden Kellnern serviert. Und die Gäste müssen zusehen, sich nicht allzu voll zu kleckern.
