Dialog im Dunkeln - Eine Ausstellung zur Entdeckung des Unsichtbaren

Was reizt die Menschen in Rom, Paris, London, Wien, Zürich, Tokio, Budapest, Rio de Janeiro, Montreal, Berlin, Rendsburg, Hamburg, Leipzig, Dresden, Friedberg oder Frankfurt das Unsichtbare zu entdecken und sich von blinden Menschen durch eine Ausstellung ohne Bilder führen zu lassen?

Wagen wir einen Blick ins Dunkle. Dunkelheit ist nicht die reale Lebenssituation blinder Menschen und es wäre eine grobe Vereinfachung anzunehmen, dass „Dialog im Dunkeln“ Blindheit simulieren könnte. Dunkelheit ist eine Metapher und steht für die Marginalisierung und Diskriminierung, denen behinderten Menschen immer noch ausgesetzt sind. Behindert zu sein, bedeutet primär durch seine Defizite definiert zu werden und nicht die gleichen Chancen zu besitzen wie Menschen, die nicht behindert sind. Diese Sichtweise wollte Andreas Heinecke aufbrechen, als er 1988 im Rahmen seiner Tätigkeit für die Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt am Main den ersten „Dialog im Dunkeln“ realisierte. Er schuf damals eine Plattform, die den Perspektivwechsel zwischen Behinderten und Nichtbehinderten herbeiführte, die Gelegenheit und Raum bot, Verständigungsbarrieren abzubauen und neu über die eigenen Fähigkeiten nachzudenken. Dafür wurde er kürzlich mit dem Titel „Social Entrepreneur“ der global arbeitenden Organisation „Ashoka“ ausgezeichnet.

Die Dunkelheit ist zudem eine Metapher für die dunklen Seiten in unserem Leben und den Ängsten, die in uns wohnen. Dunkelheit, so die Erfahrungen aus 17 Jahren „Dialog im Dunkeln“, ist aber auch ein wunderbares Medium zur Kommunikation und Begegnung. An einem Ort ohne schönen Schein, ohne Vorurteile und schnelles Augenmaß entscheiden die Inhalte und die Stimme, die Einfühlung und Hilfsbereitschaft. Nur wer spricht, ist existent. Wer schweigt, verschwindet im undurchdringlichen Dunkel.

Das ist der Grund warum der Dialog bei „Dialog im Dunkeln“ im Vordergrund steht und nicht das Dunkelerlebnis. Der Dialog mit einem selbst und den anderen, die mit auf der Entdeckungstour sind und der Dialog mit behinderten Menschen. Licht aus und schon können die Blinden sehen und wir, die Sehenden sind blind und hilfsbedürftig.

Warum lassen sich so viele Menschen auf dieses Erlebnis ein? Zum einen sicherlich, um sich neu zu erfahren, Grenzen zu erleben und Menschen auf einer anderen Ebene zu begegnen. Zum anderen sicherlich, weil wir in dem endlosen Strom an Bildern sehmüde geworden sind. Die Frage bleibt, welche Sinne und Wahrnehmungen in uns schlummern. Und hierin unterscheiden sich die Japaner nicht von den Mexikanern, die Bayern nicht von den Hessen.

Andreas Heinecke

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Beim Lesen der Braille-Blinden-Schrift

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